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Gestern sah es fast so aus, als ob das Netz wieder anfangen würde, wild mit den Hüften zu kreisen und in eine Art Ektase zu verfallen, die bei dem ein oder anderen nach ein paar Stunden zu einem blockierten Atlas geführt hätte.

Was wäre der mögliche Auslöser dieser Bewegung(seinschränkung) gewesen?

Eine Headline:

Ab heute: Penny verkauft krummes Bio-Gemüse – Ein Zeichen gegen Verschwendung.

Putzt Du Deine Zähne schon immer falsch.

Leute, was habt Ihr bisher zu Euch genommen, war mein erster Gedanke, als ich dies las. Ich konnte aber nicht anders und musste mir den Artikel durchlesen. Schließlich wollte ich ja wissen, was in meinen Freunden so vor sich ging. 20.464 Likes auf Facebook sprachen für sich.

Penny ist also der erste deutsche Discounter, der dauerhaft Obst und Gemüse in seine Regale bringt, welches nicht der EU-Norm  entspricht. Und setzt damit ein Zeichen gegen Verschwendung. Der Supermarkt sei doch eine Parallelwelt, die mit der Realität nichts mehr zu tun hat. Überall nur Schönheit. Dass, was der Kunde gerne kauft, oder?
Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor?
„Glatte, makellose Lebensmittel entsprechen einfach nicht der Natur. Obst und Gemüse müssen den Zuchtrichtlinien des Handels erfüllen – und optisch schön sein. Verbraucher verbinden Optik und Geschmack. Und entspricht das Naturerzeugnis nicht den Vorgaben, wird es als „Ausschussware“ bezeichnet.“

„Was woanders gegessen wird, wird in Teilen der westlichen Welt an Tiere verfüttert, zu Bio-Gas verarbeitet oder einfach weggeworfen.“

Naja, Heuschrecken gelten ja inzwischen als Delikatesse. Und muss ich ernsthaft essen, was woanders an Tiere verfüttert wird?

Oder anders, muss ich für schlechte Qualität eventuell zukünftig das Doppelte zahlen?

Oder ketzerisch: Muss ich mich jetzt genau wie die Leute in Afrika ernähren? Obwohl wir doch eigentlich keine Probleme haben. Das wäre doch genauso, wie aus Solidarität mit Geflüchteten, in zerlumpten Kleidern herumzulaufen.

Ganz ehrlich, was soll mir diese Werbebotschaft sagen?
• Müssen die Biogurken jetzt bespaßt werden?
• Soll ich ein Liedchen singen, auf dass sie zu lächeln beginnen?
• Soll ich mir jetzt tagelang Gedanken machen, was meine Bevorzugung von Obst und Gemüse, für Auswirkungen auf die krumme Biogurke hat?
• Wird woanders schon der Klammer ähh Spendenbeutel gezückt und eine Online-Petition vorbereitet?
• Will man mich in drei Wochen zwingen, nur noch krumme Biogurken zu mögen?

Rettet die Biogurke. Eine Initiative der Weinbauern Südafrikas
Wissen Sie, was als Nächstes kommen wird? Als nächstes versuchen alle auf Biegen und Brechen krumm zu sein. Dann heißt es im Fernsehen „Ist krumm das neue Sexy?“ In den Zeitungen wird es freitags Sonderbeilagen mit dem Titel: „Krumm ist pur“ geben.

Die linken Extremisten werden sich daraufhin in einer Raufpause auf Facebook und Twitter zu einem Statement wie in etwa: „Verhaftet die Geraden – die, die aufrecht gewachsen sind.“ hinreißen lassen.„Jagt die, die gerne gerade gewachsene Gurken essen. Fangt bei Instagram an.“  wird dann morgen in der Zeitung stehen. Und auf Facebook wird bereits ein Banner vorbereitet.
Und am Ende heißt es wieder „Wir sind das Volk.“

Halleluja. Zum Glück sind wir keine Gurken.

Man könnte fast meinen, Content-Management beim Springer-Verlag ist extrem eintönig. Ein Thema, was über alle Kanäle gleichzeitig und auf dieselbe Weise gespielt wird. Voll langweilig. Eines für alle hat noch nie funktioniert.

Und hat am Ende Männer in rosafarbenen Hemden durch die Gegen laufen lassen. Mit einem Ochsenring. Im Auge. Ganz oben. Weil man das jetzt eben tut.

#diekreisendeErregungdesNetzes

Besuch bei Freunden
Beim nächsten Besuch bei Ihren Freunden könnte es sein, dass Ihnen zum Old English fast wie Schwarztee (er besteht aus getrockneten Gurkenblättern, aus eigener Züchtung, ein wenig BWLer steckt halt doch in jedem #back2nature Mann) das einzig Wahre, so pure Gürkchen präsentiert.

Damit Sie sich ganz auf den Geschmack konzentrieren (können), gibt es auch nichts anderes. Stolz wird vom eigenen Gurkenanbau auf dem Balkon erzählt. Und verschämt (denken Sie jetzt mal an Anke Engelke – die kann das so schön imitieren) also, verschämt wird Ihnen gesagt: „Ein wenig schlechtes Gewissen haben wir ja schon wegen der eigenen Gurken. Damit nehmen wir doch den armen Biobauern, ja irgendwie das Business weg, oder?“
Facebook
Inzwischen gibt es die ersten Facebook-Apps, die wissen wollen „Welche Gurke bist Du?“ Der Facebook-Bot-Chat fragt Dich flüsternd „Wie sieht Deine Gurke aus?“

Keine Sorge. Krumm macht wumm.

„Magst Du mir ein Foto schicken?“ (Tun Sie es nicht, es könnte am öffentlichen Pranger landen.)

In der Zeitung
Am Montagmorgen erfahren wir aus der Zeitung, dass die Krimm Biogurken inzwischen eine eigene Fraktion im Bundestag haben. Sie werden vertreten durch die südafrikanischen Weinbauern.
Leise, still und heimlich haben sie sich dort reingewählt. „Das Interessante, Innovative dabei war, dass es erstmalig über Facebook geschah. Es gab keine offizielle Outside (ähh Real-Life)-Wahl, sondern eine Abstimmung via Twittpoll.“
Der freundliche Redakteur, der so wohlwollend darüber berichtet hat, wollte auch gar kein Geld aus dem PR-Budget. „Ein paar Karma-Punkte sind Dank genug.“ sagte er.
Die Amis
Donald Trump, der gerade zu seinem Amtsantrittsbesuch in Polen weilte, bemerkte „The Germans are so freaky“. Alles Radfahrer und Vegetarian. And, how about you my friend?“ #kaugummikau
Die, die Gesetzentwurfe per Onlinepetition durchbringen
Gurkenschäler sind verboten.
Die Schönheitsindustrie
Ein Heer von Schönheitschirurgen hat sich inzwischen auf die Genitalchirurgie ala krumme Gurke spezialisiert.

„Ein Vertreter des Verteidigungsministeriums fragte offiziell an, ob man dafür vielleicht nicht doch besser auf Dildos zurückgreifen wolle. Dieses ständige Hin und Her könne sich die Bundeswehr doch gar nicht leisten. Früher hätten selbstgestrickte Pullover gereicht, um Frauen glücklich zu machen. Von Frauen gestrickt, von Männern getragen, verstehe sich.“
#PanamaPapers
Inzwischen wurde aufgedeckt, dass die katholische Kirche zu 80% Anteilseigner der krummen Gurkenplantagen war. Die Fehlstellung der Gurken (krumm) wurde durch eine Mutation der Tomatenpflanzen hervorgerufen, so der nette Herr vom Verbraucherschutz. Die Tomatenpflanzen wurden einfach nicht ausreichend gegossen und hatten keine Luft zum Atmen. Mit der Zeit veränderten sie sich.

Warum ist das so,

fragt sich jetzt vielleicht der geneigte Leser. Hmm. Pisa ist erwachsen geworden.

Man hat die Studienergebnisse einfach nicht ernst genommen. Ein paar Leute haben das Hobby zum Beruf gemacht und cruisen jetzt als Biobauern verkleidet durchs Netz. Außerhalb der Saison verdingt man sich als Wegelagerer und nimmt Straßenzoll ein. Die Informationshoheit im Netz.

Selbst die Kostendiskussion wird inzwischen fachfremd geführt. Lebensrettende oder „konform“ lebensverlängernde Therapien werden dahingehend diskutiert, ob Kosten und Nutzen noch in dem richtigen Verhältnis stehen.

Junge, kämpferische Journalistinnen, die sich sonst auf dem Friedrichsmarsch befinden, trauen sich ernsthaft zu fragen bzw. meinerisch von sich zu geben, dass die teure Therapie des Krebspatienten doch in keinem Kosten-Nutzen-Verhältnis steht. Für die paar Monate, die er dadurch länger lebt.

Dass er damit schmerzfrei ist, sich vielleicht noch in Ruhe von seinen Enkeln verabschieden kann, vielleicht ein letztes Mal an den Ort fahren kann, wo er so glücklich war, dass er vielleicht noch einen Begleiter für seine zurückbleibende Ehefrau finden könnte, den Kindern ein paar Advices mit auf den Weg gibt, spielt keine Rolle. (Das ist übrigens fast Productplacement).Teuer ist zu teuer.

Dieselbe Journalistin  oder aber das Zeitungsblatt schaltet vielleicht regelmäßig Anzeigen internationaler Tabakkonzerne oder bringt eine Sonderbeilage zum Thema „Ein wenig Rauchen ist doch halb gesund“ heraus. Die eigene Miete muss ja schließlich bezahlt werden, wenn man nicht gerade bei Mama wohnt. Schön wird die eigene Meinung zum Besten gegeben. Immer noch gesteuert durch Natascha, der serbo-kroatisch-russischen Speerkämpferin. Abends wird dann mit dem syrischen Freund ein Mokka getrunken.

Vielleicht sollten die entstehenden Therapiekosten einfach auf die Krankheitsverursacher umgelegt werden. Tabakkonzerne, Alkoholproduzenten, Zyndaspiele-Vertreiber können schon jetzt in einen Fond einzahlen, aus dem dann zu einem späteren Zeitpunkt die Krankheitskosten finanziert werden.
Und es gibt weitere Vordenker

Dank der elektronischen Devices, die ja, glaubt man dem Hahnenkopf, irgendwann das Allheilmittel gegen Krebs sein werden, weiß man sogar, wie viel Schritte der Kunde täglich gelaufen ist. Bei Nicht-Erfüllung des Tagesziels, könnte damit der Eigenanteil an der Arztrechnung steigen, überlegte der Kostenträgen. (Das ist die Krankenversicherung.)

Auch wenn Sie Überstunden machen mussten. Und keine Zeit zum Laufen hatten. Wir werden halt nicht jünger. Und dabei geht es uns ansonsten so gut. Jede Menge Kohle, die zum Fenster herausgeworfen wird. Aber im Gesundheitswesen kommt nichts davon an.

Zusatz der Redaktion:

Eigentlich sind lt. des Hahnenkopfes nicht Devices das Allheilmittel gegen Krebs, sondern Software. Das wird er, nachdem er sich im Netz ausreichend kundig gemacht hat, demnächst auf dem Netzwerkerkongress, des in Berlin ansässigen Pharmaunternehmen, als Keynote vortragen. Bleiben Sie dran.
Innovation und Fortschritt

Sehr innovativ übrigens – woanders forscht man noch an immuntherapeutischen Therapieansätzen und sucht nach Wegen, um das körpereigene Immunsystem bei der Krebsbekämpfung zu unterstützen. Dort redet man bereits über Software.

Was wohl der vfa dazu sagen würde. Letztes Jahr noch hieß es, man möge das gesellige Zusammensein doch bitte nicht als Korruption bezeichnen. Man suche doch nur einen etwas anderen Rahmen, um wichtige Themen voranzutreiben.

Woanders werden brav Anträge ausgefüllt, es wird geforscht, um Menschen gesund zu machen oder ihnen einen menschenwürdiges, ganz normales Arbeitsleben zu ermöglichen. Krankheiten komplett verhindern können wir ja noch nicht. Aber wir arbeiten dran.

Dafür muss man aber forschen. Man kann nicht einfach mal alles wegsterben lassen, was nicht stark genug ist. Und Forschung kostet nun mal Geld.
Aber die gute Nachricht, jeder Mensch, der weiterleben und weiterarbeiten kann, erwirtschaftet etwas und bringt die Gesellschaft vielleicht sogar voran. Auch wenn er das 10.000te Device eben nicht jubelnd in Anspruch nimmt. Er ist nämlich auf Grund seiner Erfahrung schon einen Schritt weiter.

Und warum soll man auch die 60er Jahre Garnitur, für die man ein Elektrizitätswerk mit sich herumschleppen muss, um die volle Funktionstätigkeit ausnutzen zu können, für teuer Geld erwerben? Da wartet man doch lieber noch ein paar Jahre, bis dieses Teil wieder einer normalen Armbanduhr entspricht oder aber der Trend bereits vergangen ist.

Prävention ist also durchaus vielschichtig. Auch im Hinblick auf den eigenen Geldbeutel.

Aus Richtung der katholischen Kirche, die inzwischen als friendly reminder daily beim Zähneputzen auf der Waage aufpoppt, kam zwischenzeitlich der freundliche Hinweis, man solle es doch bitte jedem selbst überlassen, was er für richtig hält. Merken Sie sich das.

Prävention ist also das A und O. Nicht Rauchen, nicht trinken oder in Maßen, täglich mindestens eine halbe Stunde Bewegung, an der frischen Luft, nicht mehr als eine halbe Stunde online und ausreichend Leute, mit denen man Reden und sich austauschen kann. Dann gelangt auch nicht jeder Pups ins Internet. Das ist Gesundheit heute.
Die ganz Wichtigen

Ach ja. Die, die Empathie in Dosen verkaufen und sich für mutierte Gurkenpflanzen halten, sind häufig auch diejenigen, die Dich im Netz rücksichtlos da niederprügeln. Sie schämen sich aber nicht, ein Video, in dem ein geflüchteter Mensch der Protagonist ist, durch das Netz zu jagen. Die Objektbezogenzeit mancher Leute nimmt manchmal seltsame Züge an.
Wo kommt nur dieser Gerechtigkeitssinn her?

Aus Russland? Aus dem Kibuzz? Eine Marketingstrategie? Emotionalisierung? Gleich nach dem Influencer-Marketing? Menschen zu Betroffenen machen?

Oder ist dies dass, was die katholische Kirche schon vor Jahrhunderten versucht. Legitime Regulation. Notfalls mit Gewalt. Man bestärkt sich gegenseitig, aber die Vereinbarung von Familie und Beruf ist immer noch nicht ausreichend gewährleistet. Außer für die Bio’s. Der Rest muss Geld verdienen. Bis 70. Oder so.

Viele Grüße

… von einer ehemaligen Krankenschwester, die inzwischen zweimal studiert und zwei Zertifikatsweiterbildungen hat. Sie hatte Krebs. Lymphdrüsenkrebs. Und ist einfach nur froh, ihn besiegt zu haben.
Letztes Jahr ist sie fast insolvent gegangen, weil zwei ihrer Kunden mehr als vier Monate nicht das Honorar gezahlt haben und das, obwohl die Arbeit längst erledigt war.
Sie hat den Computer ausgeschaltet und fing an Klamotten zu sortieren.

Jeden Tag sah sie die emotionalen Bilder im Netz. Las in den geheimen Facebook-Gruppen der Blogger für den friedlichen Widerstand und aktive Hilfe für Flüchtlinge, welche Taktik man sich jetzt wieder überlegte, um für die Geflüchteten, Schutzsuchenden zu kämpfen.

Es wurde gejammert und geweint. Es wären so viele besorgte Bürger im Netz unterwegs. Man war den ganzen Tag damit beschäftigt, diese an Facebook zu melden. Und Facebook doesn´t react. Man hat den Heiko Massen angerufen, aber Facebook lachte sich nur ins Fäustchen. Dich krieg ich auch noch. Du Schlingel, tönte der Chat.
Vielleicht hätte man einfach die IP-Adresse der Rechners ausfindig machen sollen, von dem die Social Bots und Bot-Netze gesteuert wurden.
Die Blogger waren völlig aufgelöst. Japsten förmlich. Kamen mit den Bildern und dem Leid einfach nicht zurecht. Immer und immer wieder teilten sie die Beiträge. In der Hoffnung, dass sich etwas tut.

Fragen Sie mal einen Psychologen, wie sich solche Bilder auf die menschliche Psyche auswirken. Ständiges triggern mit schlimmen Bildern. Und Vorwürfe, dass Europa so assozial sei. Und überhaupt sind wir alles schlechte Menschen. Das las sie jeden einzelnen Tag. Im Netz.
„Lass uns einen Blogpost schreiben und das Geld, welches wir sammeln bei der Initiative vorbeibringen (bei der die Krankenschwester gerade aktiv war.), schrieben die Blogger. Wir können dann bei der Spendenübergabe noch ein Foto für unsere Gruppe machen.“

Jeden Tag emotionale Videos, Bilder von toten Kinder, kopfüber im Wasser liegend, Bomben, die via Liveschaltung aus den Krisengebieten dieser Welt nach Deutschland überliefert wurden. Zu uns. Tag für Tag konnten wir sehen, was dort passierte.
Und konnten nichts dagegen tun.

In bestimmten Situationen führt so etwas zur erlernte Hilfslosigkeit. Die lässt uns abstumpfen und treibt uns irgendwann in den Wahnsinn.

Rücksicht gilt auch im Netz. Einfach mal darüber nachdenken. Muss das wirklich sein? Wäre es nicht besser, den Computer auszuschalten und selber aktiv zu werden?

Immer nur im Netz zu diskutieren hat noch niemanden trockene Kleidung verschafft. Oder einen vollen Bauch.

Wenn ich jetzt böse wäre, würde ich schreiben, dass es aus Versehen eine Liveschaltung aus einem Computerspiel indischer Studenten war, was praktisch in Echtzeit, sehr real animiert, ins Netz übertragen wurde.

Woher ich das weiß? Ich hatte mal einen indischen Mitbewohner. Der saß Tag und Nacht vor seinem Rechner und ballerte sich mit seinen Freunden durchs Netz.

Das Netz
Wie ein dickes, schweres Etwas drückte es auf uns, brachte die unangenehmsten Gefühle hervor, die dann in irgendeiner Weise kanalisiert werden mussten. Man ist damals förmlich bei uns eingebrochen. Hat Krieg gespielt. Nur anders.

Dort kämpften richtige Menschen, wir hatten das im Netz. Traumatisierung jeden Tag, rund um die Uhr. 2015. Das Jahr der Kriege. Der Ewigkeit. Des einen Moments. 2015. Das Jahr der Krieger. Das Jahr der Auferstehung. Das Jahr der Offenbarung.

Nur warum kam diese Botschaft immer falsch an?
Basierend auf Zahlen, Daten, Fakten werden Schlussfolgerungen gezogen und Handlungsanleitungen gegeben. Man definiert die Ziele und entwickelt eine Strategie, um diese Ziele zu erreichen.
Jemand, der das nicht kann, erzählt Ihnen, Europa wird zerfallen. Es ist an Ihnen, welche Deutung sie dem Ganzen geben.

Ich bin keine Sado-Masochistin mit Endzeitfantasien. Ich gehöre auch nicht zu den Frauen, die in wilder Extase, die Köpfe gegen die Mauern schlag und brüll brüll, der Herr ist mein Hirte rufen. Ich habe Psychologie, Soziologie, Pädagogik, VWL, BWL, Marketing und Vertrieb studiert. Zum Glück.
Also liebe Leute, wenn Euch jemand sagt, ihr wäret ausgewählt, gebt niemals Eure eMail-Adresse ein und bedenkt, dass wenn ihr den Deal annehmt, es auch bedeuten könnte, ihr bekommt eine tödliche Krankheit. 1:1.000.000 ist nämlich auch das Risiko Mitte 30 an einem indolenten Non-Hodgkin-Lymphom zu erkranken.

Und noch was, auserwählt könnte auch heißen, ihr müsst Euch morgen in die Luft sprengen und möglichst viele Menschen umbringen.
Aber zurück zur Digitalisierung.
Nicht einmal mehr seine Botschaften kann man also in Ruhe empfangen. Auf Twitter gibt es inzwischen Werbeanzeigen, die einem immer wieder das Paradies aus der Apotheke vorführen.

Ständig wird geschimpft und gewettert, dass man eigentlich schon schlechte Laune bekommt, wenn man nur das Internet aufschlägt.
Und ständig ist irgendein Depp da, der den Dingen eine falsche Deutung gibt oder Dich schräg von der Seite anquatscht. Das muss den Leuten doch eigentlich auch mal von den Augen fallen, oder?
Was ist denn hier nur los?

Liegt es immer noch am Content-Management des Springerverlags? Jedes Thema wird ausgequetscht. Wie eine Zitrone. Und es kommt einfach nichts Neues. Immer noch. Voll langweilig. Ich persönlich arbeite ja lieber nach dem Harvard-Prinzip.

Das Jahr 2015 war aber auch das Jahr der Likes. Des Sharings. Carings. Es wurde gelikt, geteilt, was das Zeug hielt.
Nur warum likte kaum jemand die Erfolgsstory der Krankenschwester?
Die Neuzeit war an- oder besser ausgebrochen. Ausbildung spielte keine Rolle mehr. Gemeinsam Hand in Hand verpulverte man Spendengelder von Bürgern und von Unternehmen. Es gab sogar Leute, die hatten keine Skrupel, Stadt, Land und auch das Bildungsbürgertum zu erpressen. Mit Vorliebe emotional.
Flüchtlingshilfe wurde in das Portfolio von Wirtschaftsprüfern aufgenommen. Vielleicht, weil man jetzt versuchen musste, alles wieder gerade zu ziehen. Und es gab jede Menge Überfluss-Geschäfte. Sie können sich gar nicht vorstellen, was man da alles rausziehen kann.

Dachten sich auch die Helfer, die sich wochenlang in einem rechtsfreien Raum bewegten.
So etwas zu begleiten und zwar konform, ethisch, moralisch, kann extrem anstrengend sein. Spenden abzugeben ist einfach, aber dann fängt die Arbeit an. Sortieren, verteilen, packen, verschicken – damit zurechtkommen, dass 80% der Sachen für 20% der Leute passte und man 80% an Überschüssen hatte. Die wurden am Ende über die ganze Welt verteilt. Betriebswirtschaftlich darf man das gar nicht gegenrechnen.

Investmentbanker schauten vorbei. Und schwatzten uns Dinge auf, die wir gar nicht brauchten. Wir sagten immer und immer wieder, dass wir nur kleine Größen benötigen, das Lager zum Bersten voll sei– es ging nicht anders.

Also bekamen wir im besten Fall 40% kleine Größen und im schlechtesten Fall 20% kleine Größen. Der Rest ging dann zum Glück ins Obdachlosenheim.

Die Hilfsbereitschaft ist das Gefühl, was uns trägt. Es brachte Hoffnung. Und es ging  (uns) ums Helfen. Auch mit Überschuss. Endlich einmal aus dem Vollen schöpfen.
Und bist Du nicht willig, so brauch ich Gewalt. 
Salafisten sprangen durch die Gegend und verteilten Korane. Ab und an war die Messehalle voll mit ihnen. Sagen durfte man nichts. Dann war man direkt ein Arsch. Mein Bruder, Du wagst es mein Bruder zu beleidigen. Du Schlampe.

Spendengelder fanden immer einen Abnehmer. Und der gewalttätige Mann einer Geflüchteten, lag eines Morgens tot im Bett. Nachdem man ein paar Jungs vorbeischicken wollte, die ihm ein wenig Angst machen, weil er so gewalttätig war.

Rasierklingen tauchten in Wäschebeuteln auf. Bloggerinnen und Journalisten schauten regelmäßig vorbei und twitterten den Status Quo. Schulklassen kamen ebenfalls jede Menge. Alle wollten helfen. 2015 – das Jahr der Befreiung? Das Jahr der Selbstjustiz?
Die Krankenschwester war nur noch damit beschäftigt, Schadensbegrenzung zu betreiben. Hoffentlich passiert den Schülern nichts. Den Lehrern war es egal. Die hielten sich auch hier nicht an die Absprachen und überließen die Schüler uns selbst. Wir. Ehrenamtlich. Busy. Damit beschäftigt, zeitweise 920 Flüchtlinge einzukleiden. Hatten plötzlich einen Bildungsauftrag.

Aber sagen durfte man immer noch immer nichts.

Weder nach innen noch nach draußen. Wir saßen in der Nazi-Konformitätsfalle. Hätten wir ein Wort gesagt, der digitale Mob wäre aus dem Computer gesprungen und hätte uns umgebracht. Völlig außer sich. Denn alle wollten helfen.

Die Annektion
Putin all over. Um endlich aus dem rechtsfreien Raum zu gelangen, wurde in einer Nachtaktion ein Verein gegründet. Das ging schneller, als man gucken konnte. Es war ja schon vorher kaum möglich zu erfahren, wo die Spendengelder hinfließen. Allein die Frage danach galt als Majestätsbeleidigung. Es war auch unethisch überhaupt in Frage zu stellen, dass die Spendengelder nicht dort ankommen, wo sie gebraucht wurden.

Das Eigentum – „die Betriebsmasse“ gehört dem Verein.
Tagelang wurde aufs heftigste diskutiert, wem denn jetzt die Spenden gehören. Auch damit haben sich Anwälte beschäftigt. Angeblich. Hoffentlich. Aber es geht mich eigentlich nichts an.

Die Kommunikatoren sollten mit der Übernahme sogar alle Firmenkontakte, Bilder und Videos an den Verein abtreten. Das, was die letzten 8 Wochen auf Facebook gemacht wurde. Das sollte kommunikativ aufgehübscht werden. Mit nem Slogan und so.
Hmm. Ihr Kommunikationsberater, wir werden geschäftlich wohl nie zusammenfinden. Genauso wie der Restrukturierungsvorstand (Finance) der regelmäßig öffentlich auf Facebook kotze. Vor Glück.

Warum denn nun? 

Ihr tollen Menschen, die ihr einfach nur da wart, die ihr einfach nur helfen wolltet und dafür fast alles gegeben habt, Euch mein ich nicht. Euch soll mein Frust nicht treffen. Danke, dass Ihr da wart. Dass Ihr Euch so eingesetzt habt. Zum Glück haben viele von Euch noch nie was vom Internet gehört. Deshalb wart Ihr wahrscheinlich auch kein Thema. Das hättet Ihr auch gar nicht gewollt, gell? Um Euch ging es mir. Auf Euch hab ich aufgepasst. Omas Rente war mir heilig. Aber nicht nur Omas Geld. Ich hasse Verschwendung. Ich auch.

Leute. Leute. Zum Glück wurde ich nicht zum Anprangern abGestellt, sondern zum Arbeiten.

Es gab hochfliegende Pläne 

Einer der freiwilligen Gründungsmitglieder nach dem anderen wurde beiseite und ins persönliche Gespräch gebeten.
„Denk darüber nach, wenn Du hier die Einzige bist, die das ok verweigert, dann kann den Flüchtlingen nicht schnell genug geholfen werden. Und Schuld daran bist Du.“ Sie nannten es „Einfangen“.

Die Freiwilligen sollten ihr ok für die Gründung einer Kapitalgesellschaft geben. Am nächsten Tag wollte man eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen, auf der die Gründung der Kapitalgesellschaft beschlossene Sache wird.

Der Restrukturierungsvorstand lief zur Hochform auf. Meetings. Kickoffs. Interne und externe Kommunikationspläne. Und jede Menge mehr. Brainstormings mit Unternehmensberatungen. Visionsentwicklung. Missionen und jede Menge freundliche Gesichter. Und alles in der Flüchtlingshilfe.
GroupIn, GroupOut – bist Du am nächsten Morgen zur Arbeit gekommen, grüßte Dich am Empfang niemand mehr. Das Management wechselte. Stündlich. Selbst, wenn man eigentlich offiziell dazu gehörte. Es gab freiwillige Helfer, die glaubten, das Trainee-Programm zu überspringen und direkt als Abteilungshut oder Fast-Vorstand zu wirken. Wir die Gemeinschaft. Basisdemokratie wird bei und großgeschrieben. Wir tuen, was wir können.Eben.
Mir tut jetzt noch der arme Anwalt leid, dem wahrscheinlich die Hölle heißgemacht wurde, weil er die Vereinssatzung, die zwischendurch eigenmächtig mit Copy and Paste bearbeitet wurde, nicht zufriedenstellend zu Ende gebracht hat. Was tut man nicht alles, um Spendenquittungen auszustellen dürfen. Da macht man auch mal ein paar Nächte durch. Für Alle. Und sich selbst.

#pieppiepFingerandieStirnklopf_emoticon

Aber als Krebs-Survivor muss man auf seine Gesundheit achten. Und kann nicht rund um die Uhr Leistung erbringen. Warum gerate ich eigentlich immer in solch ethischen Grenzbereiche?

(Das ist gar kein ethischer Grenzbereich.Das wird uns nur suggeriert. Von den Glückseligen, die, die  endlich einen Sinn im Leben fanden.)

Leuten, das Geld aus der Tasche zu ziehen, war noch nie meine Stärke. Selbst wenn es für einen guten Zweck ist, tu ich mich damit schwer. Zeitweise hatte ich in der Kammer das Gefühl, Ghostwriter für Companies zu sein. Meine Postings kamen ziemlich gut an. Dabei habe ich einfach nur gearbeitet.

Zynisch musste ich mir verkneifen, den Benefit und die KPIs und das Geld, welches eben nicht in eine Werbeagentur geflossen ist, nicht automatisch gegenzurechnen. Glauben Sie mir, das war die größte Herausforderung überhaupt, die Guten, die wirklich helfen wollten und die, die ein wenig von der Strahlkraft der Marke für sich beanspruchen wollten, voneinander zu trennen.

Und dann noch meine eigene Situation. Meine.

Ich wartete auf mein Honorar, hatte Angst, dass ich meine Miete nicht mehr zahlen konnte, meine Krankenversicherung musste auch bezahlt werden. Die Stadt, bei der nach finanzieller Unterstützung in dieser Zeit fragte, meldete sich nicht mehr. In der Zeitung und auf Facebook wurde eine Kampagne geschaltet. „Stärkt das Ehrenamt“ Eiskalt wurde mir gesagt, was die Stadt Hamburg glaubte in den Händen der Ehrenamtlichen zu lassen. Kein Wunder, dass auch dort fleißig geteilt und gelikt wurde.

Ich fragte sogar bei einem Vorstandsvorsitzenden an, ob er mein Engagement nicht sponsern könnte. Unverschämt, oder? Wie konnte ich nur. Aber warum nicht.
Und gleichzeitig brachte ich das Business voran. Arbeitete in einem laufenden „Betrieb.“

(Asche auf mein Haupt Herr Schnibben.) und machte gleichzeitig Werbung für Andere, half Bedürftigen und wurde trotzdem wie der letzte Dreck behandelt. Ich kann diese Emotionalität nicht wirklich ernst nehmen.

Rettet die Gurke. Aber Eure Eigene.

Hört auf, die Weichmacher in Form von Hormonen und Tränenfilmen unter das Volk zu bringen.

Dann steht niemand mehr an einem Fluss und macht die La Ola-Welle,

die Ihr mit Eurer Tränen-krumme Bio-Gurken-Werbung ins Netz gebracht habt und

brüllt dabei „Wir sind das Volk.“

Gin

PS: In den gelben Seiten und auf der Homepage Eurer Krankenkasse findet Ihr eine Übersicht an Therapeuten, die Euch dabei helfen können, Eure tiefsitzenden bisher unzureichend bewältigten Kindheitstraumatas zu bearbeiten. Inzwischen gibt es auch eine Facharztvermittlung, die dafür sorgt, dass Ihr nicht Monate auf einen Termin beim Spezialisten warten müsst. Redet darüber, aber bitte nicht im Netz.

Für Frieden und Sozialismus „Seid bereit.“

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